„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder,

sondern macht sichbar"

                                                                                                                                    Paul Klee

Zu meinen Steinen

      Der Gestaltungsprozess beginnt mit dem aufmerksamen Hinschauen, dem Erkennen interessant geformter Steine an ihrem ursprünglichen „Heimatort“ inmitten von zahllosen anderen Steinen. Dieses „Erkennen“ basiert auf dem intuitiven Abgleichen der gefundenen Formen mit bekannten Strukturen, etwa von Tieren, Menschen, mythischen Gestalten oder antiken Motiven, nicht selten aber auch nur auf eigenen Phantasievorstellungen.

      Wichtig ist mir eine grundlegende Würdigung des Materials Stein, das als ältester fester Bestandteil unserer Erde den Beginn der Möglichkeiten zur Entwicklung von Leben auf unserem Planeten kennzeichnet. Viele meiner Fundobjekte sind Zeitzeugen aus frühesten geologischen Entwicklungsphasen und haben durch tektonische Bewegungen bereits mehrfache Wandlungsprozesse hinter sich, bevor in vergleichsweise jüngerer Zeit Wasser, Wind und Erosion sie zu der Skulptur geformt haben, die ich finde.

     Eben erst losgebrochene, scharfkantige Steinbrocken, die noch nicht wieder zu einer neuen harmonischen Form „geheilt“ sind, haben für mich keinen Aufforderungscharakter. Sie wirken auf mich, als seien sie noch nicht mit eigener neuer Energie aufgeladen. Mir käme auch nicht in den Sinn, Steine loszubrechen oder meine Findlinge bildhauerisch in ihrer Gestalt zu verändern. Alles muss zu einer vorübergehenden Harmonie gefunden haben, die nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar ist. Um sie ganz zu erfahren, muss man sie möglichst in die Hand nehmen, das Anschauen ist nur ein Ausschnitt aus dem Spektrum der Möglichkeiten, sie zu ergründen.

      Den „flüchtigen Augenblick“ der jetzigen Steingestalt greife ich auf und halte ihn fest in dem was aus der Begegnung seiner Form mit meiner Phantasie entsteht. Steine- in unserer Wahrnehmung Inbegriff von Festigkeit und Dauer, in ihrem Maßstab in ständiger Bewegung und Veränderung begriffen- ein interessanter Doppelaspekt.

      Wenn ich meine Fundstücke zu Hause in die Hand nehme und bewundernd zu „begreifen“  suche, habe ich das Gefühl, in einen Dialog einzutreten. Oft sehe ich schon am Strand bestimmte Gestalten, manchmal aber bin ich von einer bizarren Form ganz fasziniert, ohne etwas Spezifisches darin zu erkennen. Dies ist dann eine besondere Herausforderung. Es gibt Steine, die mir erst nach Jahren, nach häufigem In-die-Hand-nehmen, Streicheln, Betrachten und wieder Weglegen plötzlich von einer neuen Perspektive aus offenbaren, welche Gestalt jetzt „ans Licht will“. Gelegentlich verändert sich auch beim Bearbeiten mein ursprüngliches Konzept. Immer weniger gehe ich von einem festen Vorsatz aus, lasse immer mehr den Stein „bestimmen“. Irgendwann fühle ich mich in Resonanz mit ihm und dann „stimmt“ es, was entsteht. So entstehen inzwischen die seltsamsten Kombinationen oder Phantasiewesen.

      Auch in der technischen Bearbeitung und in der Farbgebung nehme ich mich zunehmend zurück, passe mich weitgehend der natürlichen Färbung des Gesteins an und lasse die „Künstlerin Natur“ möglichst viel für sich sprechen, mit Ausnahme des gelegentlichen Hinzufügens von Gold. Durch dessen Verbindung mit dem rauen Naturstein entsteht ein reizvoller Kontrast und gleichzeitig sehe ich darin auch einen symbolischen Aspekt der Versöhnung: dem Stein wird Gold zurückgegeben, das ursprünglich aus Gestein gewaschen wurde. Interessant finde ich es auch, vom heute gefundenen Stein eine Verbindung zu Kunstwerken aus längst vergangenen Zeiten und Kulturen der Menschheitsgeschichte herzustellen. Sofern die Struktur eines Findlings eine entsprechende Gestaltung erlaubt, greife ich dazu gelegentlich alte Motive auf und hole sie in die Gegenwart.

     Nicht zuletzt möchte ich mit meinen Arbeiten auf die Dynamik und die Schöpfungskräfte der Natur aufmerksam machen, auf Schönheiten, die jenseits unserer heutigen hektischen und oft von der Überheblichkeit des Menschen geprägten Welt vorhanden sind und deren Größe wir nur staunend und ehrfürchtig wahrnehmen können.                                                                                                                                                                                                                                 

Gott schläft im Stein

Er träumt in den Blumen

Er erwacht im Tier

Er weiß, dass er erwacht ist

Im Menschen.

                                                                                                                                                                                      Asiatischer Spruch

 

    

 

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